Den Bauunternehmen fehlt der Nachwuchs

Die demografische Entwicklung wird für die Bauwirtschaft zunehmend zu einem Problem: Laut Umfrage hatte mehr als jedes dritte Bauunternehmen Probleme, im vergangenen Jahr seine angebotenen Ausbildungsplätze zu besetzen, deutlich mehr als im Jahr zuvor. Bei zwei Drittel der Befragten lagen keine geeigneten und bei knapp 30 % lagen überhaupt keine Bewerbungen vor.

Der Rückgang der Zahl der neuen Ausbildungsverträge von 2,3 % auf 11.700 Ende 2013 ist auf zunehmende Stellenbesetzungsprobleme bei den Bauunternehmen zurückzuführen: Der Anteil der vom DIHK befragten Bauunternehmen, die angaben, dass sie im vergangenen Jahr nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen konnten, ist von 25 % auf 35 % gestiegen. Hierfür sind - neben der demografischen Entwicklung und der Konkurrenz von Unternehmen anderer Wirtschaftszweige - auch Ausbildungshemmnisse, wie mangelnde Ausbildungsreife und unklare Berufsvorstellungen der Schulabgänger, verantwortlich. Die Fachkräftesicherung wird damit für die Bauunternehmen zunehmend schwieriger. Auf die rückläufigen Bewerberzahlen reagieren die Unternehmen mit einem steigenden Angebot von Praktikumsplätzen, Kooperation mit (Hoch-) Schulen und der verstärkten überregionalen Suche, auch im Ausland.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat die Ergebnisse seiner aktuellen Online-Unternehmensbefragung zur Ausbildungssituation in Deutschland in seiner Broschüre „Ausbildung 2014“ vorgelegt. Grundlage für die DIHK-Ergebnisse sind Befragungen von knapp 13.000 Mitgliedsunternehmen, davon 490 aus der Bauwirtschaft. Die Umfrage fand in der Zeit vom 19. März bis 4. April und 21. Mai bis 13. Juni 2014 statt. Nachfolgend werden die Ergebnisse einer Sonderauswertung für die Bauwirtschaft dargestellt. Zu Präsentationszwecken stellt der Hauptverband in der Anlage zusätzlich Grafiken im pdf-Format zur Verfügung. Bitte beachten Sie, dass der DIHK seinen Fragebogen im Vergleich zum Vorjahr erweitert und einige Fragen umgestellt hat. Somit sind einige Ergebnisse nicht mit den Vorjahresergebnissen vergleichbar. Im Text und in den Grafiken wurde dann auf den Vorjahresvergleich verzichtet.

Die Beteiligung ist im Vergleich zum Vorjahr gesunken, 2013 hatten noch 630 Bauunternehmen an der Umfrage teilgenommen. Um Sie auch weiterhin über die Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt informieren zu können, benötigen wir eine repräsentative Zahl an Beteiligungen. Wir möchten unsere Mitgliedsunternehmen daher bitten, sich - sofern sie Mitglied im DIHK sind - im kommenden Jahr an der Umfrage zu beteiligen.

Ausbildungsstand

Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge ist 2013 - das zweite Mal in Folge - gesunken. Die Zahl der Neuverträge lag Ende 2013 nach den Sozialkassen des Baugewerbes (Soka-Bau) bei knapp 11.730 (inkl. Berlin) und damit um 2,1 % unter dem Vorjahresniveau. Die Zahl der Neuverträge für gewerbliche Auszubildende ist sogar um 2,3 % auf 10.500 gesunken. Gleichzeitig sind laut Soka-Bau allein in Westdeutschland 10.200 Gewerbliche in den Ruhestand gegangen. Auf das gesamte Bundesgebiet hochgerechnet, wären das knapp 13.600 Personen und somit deutlich mehr, als neu hinzugekommen sind. Hierbei muss natürlich auch berücksichtigt werden, dass es im Bauhauptgewerbe eine hohe Abbruchquote gibt - nahezu jeder vierte Berufsausbildungsvertrag wird vorzeitig gelöst. Des Weiteren wandern Facharbeiter auch in andere Branchen ab und stehen der Bauwirtschaft dann nicht mehr zur Verfügung. Somit sollte es im Interesse der Bauunternehmen sein, mehr auszubilden, als die Branche in den Ruhestand verliert.

Ausbildungssituation

Der Rückgang der Zahl der neuen Ausbildungsverträge scheint aber nicht auf eine sinkende Ausbildungsbereitschaft der Bauunternehmen zurückzuführen zu sein, sondern eher auf Schwierigkeiten, die offenen Stellen auch besetzen zu können: Der Anteil der Bauunternehmen, die im Frühjahr 2014 angaben, dass sie 2013 nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze belegen konnten, ist von 25 % auf 35 % gestiegen, und liegt damit sogar noch deutlich über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt von 29 %.

Laut Angabe der befragten Bauunternehmen sind die Stellenbesetzungsprobleme überwiegend darauf zurückzuführen, dass keine geeigneten Bewerbungen vorlagen - dies gaben zwei Drittel der Befragten an; es lag aber auch daran, dass überhaupt keine Bewerbungen eingegangen waren. Hiervon waren knapp 30 % der befragten Bauunternehmen betroffen, deutlich mehr als in den übrigen Branchen - der gesamtwirtschaftliche Durchschnitt lag bei 19 % - und deutlich höher als 2010, als dies nur jedes zehnte Bauunternehmen angab. Im Hinblick auf die demografische Entwicklung und die abnehmenden Schulabgängerzahlen wird sich dieses Problem in Zukunft sicher noch weiter verschärfen.

Zusätzlich gaben 16 % der befragten Bauunternehmen an, dass Auszubildende ihre Ausbildungsstelle während der Probezeit gekündigt hätten. Hinzu kommt, dass der Anteil derer, die ihre Ausbildungsstelle gar nicht antreten, zunimmt. Jedes fünfte Bauunternehmen ist hiervon betroffen, im Vorjahr gaben dies nur 14 % an. Der Ausbildungsmarkt scheint zu einem Bewerbermarkt geworden zu sein. Jugendliche können laut Aussage des DIHK vielfach zwischen mehreren Ausbildungsstellen wählen und unterschreiben mitunter mehrere Verträge. Ausbildungsplätze nachzubesetzen, ist für viele Betriebe kaum möglich.

Ausbildungsgründe

Die Bauunternehmen lassen sich durch die mühsame Suche nach Auszubildenden aber nicht entmutigen: 92 % der Befragten wollten sich der Umfrage zufolge weiter durch Ausbildung Fachkräfte für den eigenen Betrieb sichern. Aus diesem Grund planen auch 68 % der befragten Bauunternehmen, alle Auszubildenden zu übernehmen. An zweiter Stelle der Motive für das Ausbildungsengagement der Bauunternehmen steht, dass die Ausbildung im Unternehmen Tradition hat; jedes zweite Unternehmen bildet aus, weil es einen Beitrag für die Gesellschaft leisten möchte.

Die Unternehmen müssen sich aber auch im Konkurrenzkampf um guten Nachwuchs zunehmend behaupten: 44 % der Unternehmen gaben als Grund an, sich als attraktives Unternehmen positionieren zu wollen, 2010 war dies nur für 14 % der Fall. Und jeder dritte Befragte gab an, dass die duale Ausbildung im eigenen Betrieb effektiver sei, als externe Mitarbeiter einzustellen.

Maßnahmen zur Positionierung

Die Unternehmen versuchen mit verschiedenen Maßnahmen, sich im Wettbewerb um den Fachkräftenachwuchs gut zu positionieren - immerhin registriert die Hälfte der befragten Bauunternehmen rückläufige Bewerberzahlen und sieht Handlungsbedarf. Aus diesem Grund bieten zwei Drittel der Befragten Praktika an, um junge Leute für sich zu gewinnen (Mehrfachnennungen möglich). Nahezu jedes zweite Bauunternehmen verbessert zudem sein Ausbildungsmarketing. 32 % der befragten Bauunternehmen kooperieren mit Schulen (sie unterstützen Projektwochen und arbeiten mit Schulen bei der Berufsorientierung zusammen) und jedes fünfte Unternehmen mit Hochschulen. 29 % versuchen sich neue Bewerbergruppen zu erschließen (z. B. Studienabbrecher). Immer mehr Unternehmen schauen auch über die Grenzen hinaus: 17 % suchen verstärkt überregional, 6 % verstärkt auch im Ausland.

Um Jugendliche für sich zu gewinnen, bieten die Unternehmen zunehmend materielle, aber auch immaterielle Anreize an. So wollen 7 % der Befragten ihre eigene Attraktivität durch finanzielle und materielle Anreize steigern. 8 % der Befragten bieten aber auch Zusatzqualifikationen an, wie z. B. Fremdsprachenunterricht. Der Anteil derer, die versuchen, über eine Kombination von Ausbildung und Aufstiegsfortbildung Jugendliche für sich zu gewinnen, ist mit 13 % sogar deutlich höher als im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt (9 %).

Ausbildungshemmnisse

Knapp 40 % der befragten Bauunternehmen, die ausbilden, beklagten, dass Ausbildungshemmnisse die Ausbildung erschweren oder sogar verhindern. Hierbei dominiert weiterhin die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger: 81 % der befragten Bauunternehmen gaben an, dass sich dies negativ auf ihren Betrieb auswirkt, im vergangenen Jahr waren dies erst 70 %. Der Anstieg könnte lt. DIHK darauf zurückzuführen sein, dass Betriebe verstärkt leistungsschwächeren Schülern Ausbildungschancen geben. 53 % bemängelten aber auch, dass viele Schulabgänger zu unklare Berufsvorstellungen hätten (Vorjahr: 46 %). Viele Unternehmen sind deshalb auch bereit, die Berufsorientierung durch ein verstärktes Engagement über Schülerpraktika und Kooperation mit Schulen zu unterstützen (s.u.). Hinzu kommt aber auch, dass knapp 30 % der Befragten angaben, dass sich die Auszubildenden trotz Übernahmeangebot für andere Unternehmen oder Bildungswege entscheiden und somit dem Unternehmen nicht mehr zur Verfügung stehen. Der Anteil ist in der Bauwirtschaft deutlich höher als im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt mit 23 %.

17 % der befragten Bauunternehmen kritisierten, dass die Entfernung zur Berufsschule zu groß sei und 13 % beklagten Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit der Berufsschule. Das Hemmnis der unsicheren wirtschaftlichen Perspektive hat dagegen - aufgrund der guten baukonjunkturellen Lage - weiter an Bedeutung verloren: Lediglich 5 % der Befragten gaben dies an, 2010 lag der Anteil noch bei 24 %.

Ausbildungsreife

Die Klagen der Bauunternehmen über die unzureichende Ausbildungsreife der Schulabgänger hatten von 2010 bis 2013 leicht abgenommen, um aktuell wieder stark anzusteigen (s. o.). Insgesamt gab nur jedes zehnte Unternehmen an, keinerlei Schwächen bei den heutigen Schulabgängern festzustellen. Für die, die Schwächen festgestellt haben, steht an erster Stelle die mangelnde Leistungsbereitschaft und Motivation (Mehrfachnennungen möglich), 56 % der Befragten beklagten diesen Zustand. Jedes zweite Bauunternehmen nennt Lücken bei den elementaren Rechenfertigkeiten und 46 % bemängelten fehlende Disziplin. An vierter und fünfter Stelle standen das schlechte mündliche und schriftliche Ausdrucksvermögen und die fehlende Belastbarkeit der Auszubildenden (46 % bzw. 43 %). Aber auch fehlendes Interesse bzw. fehlende Aufgeschlossenheit (36 %) und schlechte Umgangsformen (33 %) waren ein Thema.

Engagement der Unternehmen

Auf die Frage, wie die Unternehmen auf die unzureichende Ausbildungsreife der Schulabgänger reagieren, gaben 29 % der befragten Bauunternehmen an, dass es in ihrem Betrieb nicht möglich sei, leistungsschwächere Schulabgänger zu fördern und zu integrieren. Im Umkehrschluss heißt das, dass 71 % der Befragten durchaus in der Lage sind. 26 % geben sogar lernschwächeren Jugendlichen auch ohne öffentliche Unterstützung eine Chance und 10 % würden sich mehr engagieren, wenn sie über die Schulzeugnisse hinaus besser über die Stärken und Schwächen des Jugendlichen informiert würden. Aufgrund der sinkenden Bewerberzahlen stellen sich die Unternehmen somit vermehrt auf Leistungsschwächere ein und unterstützen diese. Entsprechend hoch ist mit 31 % der Anteil derer, die Nachhilfe im eigenen Unternehmen anbieten (Mehrfachnennungen möglich).

27 % der Befragten nutzen ausbildungsbegleitende Hilfen der Arbeitsagenturen (abH) und 13 % bieten Jugendlichen, die bei einem Bildungsträger ausgebildet werden, betriebliche Praxisphasen an. 13 % der Befragten stellen den noch nicht ausbildungsreifen Jugendlichen betriebliche Einstiegsqualifizierungen (EQ) zur Verfügung. Dies sind Praktika mit einer Dauer von bis zu einem Jahr. Jedes zehnte Bauunternehmen nutzt zweistufige Ausbildungsmodelle, um Schülern mit mangelnder Ausbildungsreife eine Ausbildung zu ermöglichen. In einem zweijährigen Beruf können lernschwächere Jugendliche einen vollwertigen Berufsabschluss erwerben. 9 % offerieren langfristige Schülerpraktika zum Lernen in der Praxis und 6 % der befragten Bauunternehmen setzen auf den Einsatz ehrenamtlicher Mentoren.

Der Vorteil für die Jugendlichen von abH, EQ und 2-jährigen Berufen im Vergleich zu schulischen Maßnahmen ist lt. DIHK der enge Kontakt mit dem Betrieb - dieser ist ein hoher Garant für das Gelingen und somit für den erfolgreichen Start ins Berufsleben.


Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V. - www.bauindustrie.de